Rhein-Sieg-Anzeiger vom 17./18.08.2013
Glosse von Peter Freitag
Es ist wieder einmal Zeit, sich von liebgewordenen Überzeugungen beziehungsweise Klischees zu verabschieden. Zum Beispiel vom hohen Wert der Familie für die CDU – idealerweise der kirchlich abgesegneten Verbindung zweier heterosexueller Menschen unterschiedlichen Geschlechts.
Bislang war ich felsenfest davon überzeugt, dass diese Konstellation für jeden wackeren Christdemokraten zu den Grundfesten von Staat und Gesellschaft gehört. Nicht umsonst wird eine solche Familie vom Staat subventioniert und diese Praxis auch von CDU-Vertretern vehement gegen Kritik verteidigt. Und jetzt das:
Ausgerechnet ein Christdemokrat aus Neunkirchen-Seelscheid bläst zum Angriff auf Ehe und Familie. Bürgermeister Helmut Meng nämlich möchte – erstmals bei der Bundestagswahl am 22.September Familienangehörige aus den Wahlvorständen der Wahllokale verbannen. Ehepartner und Familienangehörige, so die Anweisung Mengs an die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, dürfen künftig nicht mehr zusammen in einem Wahllokal eingesetzt werden. Und das, obwohl das Bundeswahlgesetz eine solche Besetzung der Wahlvorstände gar nicht anstößig findet.
Doch Meng will „bei der dünnen Besetzung der Wahlvorstände“ jeglichen „Verdacht einer potenziellen Manipulation“ organisatorisch ausschließen. Ehepaare, Eltern und Kinder und Schwippschwäger als Manipulierer und Wahlfälscher, die möglicherweise dem chancenlosen Peer Steinbrück oder gar der grünen Frontfrau Katrin Göring-Eckardt doch noch zur Kanzlerschaft verhelfen?
Man mag sich als Otto-Normalwähler gar nicht ausmalen, welche unanständigen Dinge da in Neunkirchen-Seelscheider Wahllokalen sonst noch ausgeheckt werden könnten.
Doch die Anweisung des Bürgermeisters geht nicht weit genug. Verschworene Gemeinschaften, die unserer Demokratie Schaden zufügen könnten, gibt es auch anderenorts. Was, wenn zwei eingefleischte Fans des 1.FC Köln, die langjähriges Leiden zusammengeschweißt hat, einen Wahlvorstand entern. Oder Kegelbrüder, Sangesschwestern, karnevalistische Prinzenpaare, innige Facebook-Freunde, von ehemaligen Bundeswehr-Kameraden einmal ganz zu schweigen. Die Liste möglicher Schurken scheint endlos. Sie alle sollten konsequenterweise unter den gleichen Generalverdacht gestellt werden.
Dann allerdings müssten die Bundestagswahlen in Neunkirchen-Seelscheid am 22.September wohl ausfallen. Bliebe nur noch eine Lösung: Internationale Wahlbeobachter müssen her oder aber Blauhelm-Soldaten.
Vereinte Nationen, bitte übernehmen Sie.
Aber auch da gilt: Bitte bloß keine Ehepartner!